Die richtige Kettenpflege am Fahrrad

Die richtige Kettenpflege am Fahrrad

Seit der Einführung des einseitigen Kettenantriebes für das Hinterrad im Jahre 1878 ist der schmale Gliederstrang das zentrale Element zur Fortbewegung am Fahrrad. Dabei ist die Kette das Bauteil, welches einem sehr starken Verschleiß unterworfen ist und das wohl am häufigsten gepflegt wird.


Da stellt sich die Frage, warum man eine Kette pflegen muss?

Der Verschleiß einer Kette macht sich in Form einer Längung bemerkbar, sprich eine Kette und speziell die Kettenzwischenräume vergrößern sich. Bei der Bewegung der Kette werden die Verbindungsbolzen allmählich kleiner geschliffen und somit kommt es zum Spiel in diesem Gelenk. Zudem werden durch die Zuglast die Außenlaschen gedehnt und letztendlich gelängt.

Die Längung bedeutet eine veränderte Kettenteilung. Die ehemals symmetrischen Abstände von Rolle zu Rolle verändern sich in. Das hat zur Folge, dass die Kette rechtzeitig nach 7 bis maximal 10 Prozent Dehnung zur Ursprungslänge ausgetauscht werden sollte. Diese Längung sollte man mit einer Verschleißlehre (zum Beispiel Rohloff Caliber 2) alle paar hundert Kilometer überprüfen.

Wichtig: eine zu stark gelängte Kette arbeitet stetig die Kassette bzw. das Ritzel(-paket) und auch die Kettenblätter um, was zu überproportionalem Verschleiß aller drei Antriebsbauteile führt.

Prävention spart Geld und Muskelkraft – die Grundüberlegung

Das Ziel der effektiven Kettenpflege ist es daher, diesen Abnutzungsvorgang so gering wie möglich zu gestalten. Wenn ein Grund für den Verschleiß aus dem Abschleifen der Verbindungsbolzen durch Schmutz entsteht, so kann man dem Problem durch eine bedarfsorientierte Kettenpflege wirksam entgegen treten.

Die Ursache sind feine Sandkörnchen, sie arbeiten wie Schleifpapier. Dieser Schmiergeleffekt am Antriebsstrang verlangt unnötigen zusätzlichen Krafteinsatz vom Radfahrer und erhöht zudem den Verschleiß. Eine saubere Kette ist daher die Grundvoraussetzung der effektiven Kettenpflege.

Reinigen ja – aber richtig

Das Verständnis zur richtigen Reinigung ist sehr wichtig, denn auch hier ist die Prävention entscheidend. Reinigen Sie die Kette regelmäßig und besser nicht mit durchspülenden Reinigungsgeräten oder Hochdruckreinigern. Alle Fahrradketten sind sogenannte Lagerkragenketten mit Rollen, welche ab Werk in einem heißen Fettbad mit Druck eine maximale Fettpackung zwischen den Bestandteilen Bolzen, Hülsen und Rollen erhalten. Diese Schmierung sollte möglichst lange dort bleiben, denn in diesem Maße wird man es kaum mehr an jene Stellen nachträglich aufgetragen bekommen.

Meistens richtet man mit einer gründlichen Kettenreinigung mehr Schaden an als etwas zu verbessern. Denn ohne das zähflüssige Fett in den Bolzen und Rollen der Kette, muss man viel häufiger nachschmieren, weil sich ein dünnflüssiges Öl nicht lange hält.

Nach einem Vollbad mit WD40 Spray oder einem Entfetter in einem passenden Kettenreinigungsgerät sieht die Kette zwar schön sauber aus, aber sie wird ab diesem Zeitpunkt lauter (rasseln) laufen und die Haltbarkeit mangels wirksamen Rollenfett nimmt ab.

Eine empfehlenswerte Methode wird in dem untenstehenden Video von Innotech 105 gezeigt. Dieses Mittel kann die inneren Bestandteile der Kette sowohl reinigen als auch mit einer trockenen Schmierung versehen. Es bedarf etwas Zeit und nach unserer Erfahrung auch mehrere Wiederholungen; aber es ist sehr wirkungsvoll.

Statt der radikalen Reinigung in Form von Durchspülen und ähnlichem, raten wir zu regelmäßigem, dezentem Reinigen. Führt man das wirklich konstant seit der ersten Montage der Kette (sauberer, perfekter Ausgangszustand) durch, so wird man tausende Kilometer fahren können, ohne Verkrustungen, Ölreste oder alte Kettenschmiere. Der Antriebsstrang bleibt sauber, denn an trockenem und bewegtem Metall bleibt nichts haften.

Deswegen gilt es das innere Fett ab Werk so lange wie möglich zu schützen, indem Sie erst nachschmieren, wenn die Kette sich akustisch bemerkbar macht. Zur Reinigung reicht meist ein trockener Lappen mit einem kleinen Spraystoß eines Kettensprays oder wenigen Tropfen eines dünnflüssigen Kettenöls. Für den reinigenden Vorgang können Sie auch WD40 Spray verwenden, aber immer nur auf den Lappen auftragen, nicht direkt auf die Kette.

Halten Sie den unteren Kettenstrang mit dem Lappen leicht fest und kurbeln mit der anderen Hand rückwärts (Freilauf vorausgesetzt). Mit etwas Druck und Gegenhalt an allen Seiten holen Sie so alles an überschüssigem Schmutz heraus.

Bei einer gröberen Verschmutzung ist eine Vorbehandlung mit einer Metall- oder festen Kunststoffbürste sinnvoll. Wichtig ist, am Ende immer mit dem trockenen Lappen arbeiten und alles an fettigem, öligem Überschuss außen entfernen. Der eigentliche Antriebsstrang braucht nur im inneren Fett, wo man mit dem Lappen niemals hinkommt.

Kettenpflege – so viel nötig, aber so wenig wie möglich

Eine saubere Kette sollte man sehr selten und sparsam zu schmieren. So ist zum Beispiel eine Schmierung der Berührungspunkte zwischen Kette und Kettenblättern / Ritzeln / Umlenkröllchen unnötig und zieht nur Schmutzpartikel an, die deswegen haften bleiben und sich durch den Kettenanpressdruck in die Bolzen und Rollen einarbeiten können.

Die alte Weisheit aus der Werkstatt lautet daher: "so viel nötig, aber so wenig wie möglich".

Der Ölfilm auf der Kette soll möglichst dünn sein. Wir empfehlen ähnlich zur Reinigungsmethode, dass Kettenöl nicht direkt auf die Kette zu träufeln oder gar zu sprühen. Verwenden Sie wieder einen Lappen und tragen es mit etwas Abstand zum Fahrrad auf den Lappen. So vermeiden Sie einen Sprühnebel oder Ölrest auf den Bremsflanken einer Felge beziehungsweise auf der Bremsscheibe. Gehen Sie adäquat zur Reinigungsmethode vor und arbeiten das Öl aus dem Lappen mit etwas Druck zwischen den Fingern in die Kette von allen Seiten ein. Tasten Sie sich dabei ran, denn zu wenig Öl kann man korrigieren, zu viel Schmierstoff führt zu der ungewünschten späteren Verschmutzung und letztendlich zu verstärktem Verschleiß.

Nach einer Einwirkzeit von rund 1 bis 2 Stunden sollte man im Idealfall nach dem Ölen mit einem Tuch über die Kette gehen. Diese simple Vorgehensweise bringt schon sehr viel.

Fazit

Trotz modernster Hightech-Ketten in schlankster und leichtester Bauweise sind die Pflegeprinzipien nach zwei alten Weisheiten immer noch topaktuell: "häufiger ein wenig (reinigen), statt seltener ganz viel" und natürlich in puncto Pflege das Leitmotiv "weniger (Öl) ist mehr". Verschleißsenkend sind natürlich auch große Kettenblätter und große Ritzel und das Vermeiden von Schaltvorgängen unter Last. Für einen Stadtfahrer kann ein Kettenkasten gut vor Schmutz schützen und die Lebensdauer der Kette erheblich erhöhen. Wie lange eine Kette hält, hängt extrem von der Nutzung und dem Fahrer ab und natürlich auch von der Materialqualität. Wann letztendlich eine Kette gewechselt werden sollte, zeigt Ihnen die Verschleißlehre an – ohne wenn und aber.

Erläuterungen zu verschiedenen Pflegemitteln für Fahrradketten

Grundlegend kommen für die Kettenpflege nur Öle beziehungsweise Schmiermittel in Betracht, die nach Zähflüssigkeit (Viskosität) eingestuft werden. Wachse oder Korrosionsschütze á la WD40 sind als Zusatz zu betrachten und teilweise in manchen Pflegeölen bereits anteilig enthalten. Sonderformen der Kriechöle (Ballistol, oä.) sind ein Gegenspieler zu den Fetten und gelten als eher ungeeignet, wobei die aufwendige Anwendung der Kettenfette bei großgliedrigen Nabenschaltungsketten in seltenen Fällen Sinn manchen kann (nach intensiver Kettenentfettung). Wir widmen uns daher den gebräuchlichen Pflegemitteln mit einer groben Einschätzung aus unserer Praxis:

Kettenpflege mit geringer Viskosität (dünnflüssig)

Dünnflüssige Öle haben den Vorteil der geringen Klebrigkeit. Eine Kette, die nicht klebrig ist, ist auch leicht zu reinigen – erst recht, weil sie nicht so stark verschmutzt. Es hat allerdings den Nachteil, dass es die zähflüssige Schmierung der Kettengelenke unter Umständen verdünnen und auswaschen kann. Deswegen sollten Sie es unbedingt sparsam verwenden und dezent über einen Lappen sehr gleichmäßig über den Kettenrollen auftragen.

Gute Ergebnisse bei trockenen Bedingungen erzielt man mit sogenannten Trockenschmiermitteln. Diese sind meist auf Silikon- oder PTFE-Basis (Polytetrafluorethylen, DuPont-Handelsname Teflon) und erzeugen einen Glättungseffekt. Diese Mittel ziehen bei dezenter Dosierung keine Schmutzpartikel an. Wie die Druckbelastbarkeit nach der Brugger Normierung zeigt, können Trockenschmiermittel unter Druck leichter verdrängt werden und sind nicht maximal fließfähig. Eine konstante, dezente Schmierung ist hierbei sehr wichtig.

Wir haben sehr gute Erfahrungen mit den Produkten von Dynamic, Finsih Line und speziell von Innotech gemacht. Letztes in der Versionsbezeichnung Innotech 105 kann sowohl reinigen als auch schmieren. Dazu ist zähflüssiger Schmierstoff mit einen Lösungsmittel verdünnt, sodass beim Einsprühen der Kette das Schmiermittel in das Innere der Kette dringt. Das überschüssige Mittel tropft aus der Kette und soll dabei Schmutz mitnehmen. Die Schmierung setzt erst ein, wenn das Lösungsmittel verdunstet ist.

Ein „No-Go“ sind zum Beispiel Nähmaschinenöl oder Ballistol und andere Kriechöle. Diese Öle zu dünnflüssig, weshalb sie die zähflüssige wichtig Basis-Schmierung der Kettengelenke auslösen.

Fazit: Alle Pflegemittel für die Kette mit geringer Viskosität sind ideal für die trockene Jahreszeit unabhängig der Temperatur. Eine gute Effizienz zeigen PTFE-basierte Ketten-Schmiermittel. Sie waschen sich leichter aus, aber sie ziehen auch weniger Schmutz an. Als Pflegeintervalle empfehlen wir je nach Bedingungen zwischen 100 bis 250 Kilometern (Straßenbetrieb).

Kettenpflege mit hoher Viskosität (dickflüssig)

Dickflüssige Öle haften aufgrund ihrer Zähigkeit sehr gut am Metall und werden deswegen besonders gerne bei feuchten Wetterbedingungen verwendet. Die hohe Viskosität verdünnt die innere Schmierung der Kettengelenke nur sehr wenig. Der Nachteil ist die große Klebrigkeit für Schmutzpartikel, und der hohe Aufwand die Kette nach dem Schmieren von überschüssigen Ölmengen zu befreien. Die Kriechwirkung zwischen Rolle und Bolzen in sparsamer Dosierung ist auch eher bescheiden. Auch hier gilt es unbedingt sparsam über einen Lappen aufzutargen und die Kette anschließen trockenwischen.

Ein berühmter Vertreter dieser Gattung für hochviskose Öle ist zum Beispiel das Oil-of-Rohloff und einige Versionen von Finish Line (Cross-Country), sowie Wet-Lubes, wie der mehrfache Testsieger von Muc-Off (Bio Wet Lube).

Fazit: Alle Pflegemittel für die Kette mit hoher Viskosität sind ideal für die feuchten, nassen Tage im Jahr. Bei sehr niedrigen Temperaturen werden solche Öle mitunter zu zäh und können kaum gleichmäßig anhaften. Bei trockenen Bedingungen wirken sie aber eher wie Schmutzpartikelmagnete. Als Pflegeintervalle empfehlen wir je nach Bedingungen zwischen 150 bis 350 Kilometern (Straßenbetrieb).

Sonderformen der Kettenpflege (Vor- oder Nachsorge)

Kettenfett – es hat eine extrem hohe Viskosität, gleichermaßen dem Schmiermittel der werksseitig gefetteten Kettengelenke. Wenn es außen aufgetragen ist, wird die Kette extrem klebrig. Viel Schmutz und Dreck sind die Folge und die Reinigung des Antriebs ist dann recht aufwendig. Der einzige Vorteil würde darin bestehen, dass solch ein Kettenfett nicht die Schmierung der Kettengelenke verändern kann. Ein „einkochen“ von heißem Kettenfett bis in die inneren Bestandteile einer Kette ist nachträglich kaum möglich und halten wir, wie die generelle Verwendung am Antriebsstrang für eher ungeeignet..

Wachs – ist in dem Sinne kein Schmiermittel, sondern ein Schutzmittel zur Vor- und/oder Nachsorge einer Kette. Der Wachs wirkt schmutz- und wasserabweisend und sorgt dafür, dass keine kettenverschleißenden Schmutzpartikel in den Antrieb gelangen. Den Wachsvorgang einer Fahrradkette erledigt man am besten mit einer Mischung aus Wachs und Lösungsmittel, wie zum Beispiel dem Krytech Wachs von Finish Line.

„Allheilmittel“ – nennen wir die Mittel, welche landläufig immer noch als Wunderlösung verbreitet sind. Dazu gehören WD40, Nähmaschinen-Öl, Ballistol und andere Kriechöle. Zu der letzen Fraktion haben wir schon geschrieben und bei WD 40 sind es nicht wirklich anders aus. WD40 ist in erster Linie nur ein Korrosionsschutz, der Wasser verdrängt und Verkrustungen anlösen kann. Wir haben alle bereits in der Werkstatt positive Erfahrungen damit gemacht, aber als Schmiermittel für moderne Fahrradketten sollte er tabu sein.

 


Viskosität dünnflüssige Öle   dickflüssige Öle  
  Vorteile Nachteile Vorteile Nachteile
Haftwirkung   mäßig sehr gut  
Schmierung sehr gut kurzzeitig gut schlechte Verteilung
Schmutzanfällig gering     schlechte Verteilung
Reinigung sehr gut     schlechte Verteilung
Anwendungshäufigkeit   häufig   schlechte Verteilung
Temperaturabhängig kaum     schlechte Verteilung
Pflegeintervall   100-250 km 150-350 km